Für Papa.

Dienstag, 21. August 2007
Es ist ein komischer Tag. Mir gehts nicht gut, ich kann es nicht beschreiben wieso, aber mich umgibt ein merkwürdiges Gefühl. Am Abend, als mein Liebster und ich nach Hause fahren ist am Himmel eine ganz komische Stimmung. Es regnet, aber die Wolkendecke bedeckt nicht den ganzen Himmel, wie wenn jemand einmal quer die Wolken abgeschnitten hätte sieht man oberhalb den Mond und die Sterne leuchten. Die kommende Nacht liege ich fast durchgängig wach.

Mittwoch, 22. August 2007
Wie jeden morgen rief ich meine Mama kurz an. Das Telefondisplay im Büro zeige 06:32Uhr an.
„Hallo“ sagte sie als sie abnahm und ich hörte, dass irgendwas nicht in Ordnung ist.
„Alles gut? Hast Du gut geschlafen?“,
„Nein, ich habe gar nicht geschlafen.“,
„Wieso? Was ist passiert?“,
„Dein Vater hatte gestern Abend einen Herzinfarkt … Krankenhaus … Lebensgefahr…“
Ich bekomme nur noch Bruchteile mit, am liebsten würde ich sofort losrennen. Nach Hause. Mich ließ an diesem Tag niemand 600km Auto fahren, ich war nicht mehr ganz bei mir und krank vor Sorge. Erst morgen konnte ich bei ihnen sein.

Donnerstag, 23. August 2007
Ich saß im ersten Flieger nach Köln. An Schlaf war sowieso nicht zu denken, ich wollte nur heim. Meine Mama in den Arm nehmen und nach Papa sehen.
Endlich im Krankenhaus angekommen sehe ich durch die Scheibe in das kleine Zimmer wo er liegt, angeschlossen an zig Schläuche und Gerätschaften. Mir wird schlagartig bewusst, was das hier bedeuten könnte. Er muss operiert werden. Sobald er stabil genug ist werden sie ihm den Brustkorb aufschneiden und versuchen sein kaputtes Herz zu reparieren. Niemand weiss, wie er das überstehen wird und was danach kommt.
Es fällt mir schwer nicht wie in einem schlechten Film laut vor dem Fenster zusammenzubrechen, auf den Boden sinken und NAAAAAAIN zu rufen, wie in einem wirklich schlechten Film! (Ich bin mal mit meinem Blutüberströmten Kind nach einem Treppensturz beim Arzt mit ihr auf dem Arm rein und rief „Ich braucheeeee einen Aaaaarzt, schneeeeell“ Himmeeeee, wieso macht man sowas?!!?!!!!!!)
Ich reisse mich zusammen und betrete den Raum. Draussen scheint die Sonne, es herbstet und ich bin froh, dass die Sonne noch ein wenig wärme durch das Fenster abgibt.

Nur seine Hand kann ich nehmen, mehr geht nicht, er ist komplett verkabelt. Alles piepst. Er öffnet die Augen leicht und fragt mich, wieso ICH denn hiersei bitte. Schließlich müsste ich mir doch nicht freinehmen für ihn und den ganzen Weg von München nach Köln kommen. Waaaahnsinn, das ist so typisch. Mein Papa! Er liegt hier völlig zugedröhnt und wird irgendwie am Leben gehalten, was macht er? Sich Sorgen, weil ich für ihn Urlaub nehme. 
Niemand von uns hat damals in dieser Situation zum Glück wirklich realisiert, dass es mehr wie ernst war. Der Infarkt war am frühen Abend, erst gegen Mitternacht merkte er, dass was nicht stimmte und von da an kämpfte er ums nackte Überleben. Ein paar Jahre später traf ich den Notarzt der ihm in dieser Nacht das Leben gerettet hat und dankte ihm für seine Heldentat.

Samstags drauf wurde er operiert. Lange mussten wir warten bis wir die Nachricht bekamen, dass er es überlebt hat. Fünf Bypässe wurden ihm gelegt. Alles was jetzt kommt würde Zeit brauchen. Und vieleviele Medikamente.
Er war zu dem Zeitpunkt 47 Jahre jung.

Oft stelle ich mir die Frage, ob es nicht besser wäre wieder nach Hause zu ziehen. Einerseits könnten wir uns so nach belieben sehen, andererseits sind die Tage wo wir heim reisen in die Eifel sind intensiver. Wir verbringen die Zeit bewusster miteinander. Meist eine ganze Woche oder mehr am Stück.  Es hat wie alles sein für uns wider. Ganz gesund wird er nie wieder werden, aber solang er noch so viel Unfug im Kopf hat, hält sich das Sorgen ein wenig im Zaun! Ich habe ein paar Bilder rausgesucht und festgestellt, es gibt sie mit allen Formen der Grimassen und Unsinn.
Heute auf den Tag ist es zehn Jahre her. Es ist nicht leicht, aber wäre es Leben wenn es das wäre?!

Danke Papa, dass Du da bist. Für Mama, Deine Kinder & Enkelkinder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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