Heute.

Es ist schon dunkel um kurz nach neun am Abend. Der Herbst ist da, noch ganz leise, aber bereits präsent. Ich liebe das Licht in der Wohnung am Morgen, wenn die Sonne in der Früh die nebelbedeckten Felder orange anstrahlt bevor sie hoch am Himmel steht und uns noch abzählbare Sommertage gönnt. So lange es noch geht werde ich die lauen Abende mit dem Liebsten draussen auf der Dachterasse zwischen Lampions und Kerzen verbringen. Mein kleiner Urlaubort daheim. Viel zu selten haben wir zusammen da gesessen diesen Sommer.
Mein Kopf war permanent voller Gedanken. Die innerliche Ermüdung schwer.

Wir haben Therapiepause. Ich schalte ab. Fahre komplett runter so wie schon lange nicht mehr. Sehr sehr schweren Herzens habe ich meinen geplanten Heimatbesuch letzte Woche abgesagt – vorher alles packen, das Reisen, sechs Stunden Zugfahren, eine oder zwei schlaflosen Nächte auf Grund dem Umgebungswechsel von Miss Annie plus das was meine Eltern gerade alles umgibt. Es erschien mir besser, einfach hier zu bleiben. Um zur Ruhe zu kommen. Das Herz weint, aber es war die vernünftigere Entscheidung. Ein grosser Nachteil dieser Heimatschmerz nach Familie, uns trennen gute 600km.

Gerade habe ich die Möglichkeit so Tage wie heute mit meinen beiden Mädchen zu ver(er)leben. Wir haben Zeit. Heute Mittag waren wir mit einer lieben Freundin und ihren Kindern im Freibad verabredet. Ich bin gerne mit ihr zusammen, auch wenn wir uns viel zu wenig sehen, aber es ist immer schön mit uns.
Sommer, Sonne, Wasser & glückliche Kinder. Zudem lernte ich eine andere Mutter die später dazukam aus der Nachbarschaft kennen.
Ungezwungen. Seit sehrsehr langer Zeit empfand ich es als entspannend in Gesellschaft zu sein und merke, ich kann es noch, mich mit Menschen treffen und einfach sein. Ich sein. Ein wir mit Kindern. Ohne ständig darüber zu philosophieren wer oder was diese GRIN1 eigentlich mit Miss Annie veranstaltet und oder wieso einfach keine Logik hinter alledem steckt. Zum Beispiel, dass sie sich den Schnuller in den Mund strecken kann, aber kein essen. Die Liste de Dinge die keinen Sinn ergeben kann Seitenweise fortgeführt werden. Es fehlt jegliche Logik hierzu! Wir hatten Spass.

Nach Nachmittagen wie diesen stelle ich fest, dass es Menschen gibt die ich loslassen muss in Zukunft. Oft kann ich nicht ich sein, sonder bin DIE Mutter mit DEM behinderten Kind. Ja, das bin ich. Das Ganze gehört zu mir. Aber ich bin eben auch noch ich. Und heute zum ersten Mal seit langem wieder hab ich es geschafft, die zu sein.

Oft stehe unter Druck und erkläre mich, wieso ich keine Haushaltshilfe habe und das ich mir die Zeit für mich nehme die ich brauche und wieso ich Miss Annie nicht abgebe mal und ja, ich muss mehr schlafen, ja ich lebe am Energielimit, ABER: Es geht mir gut. Wirklich. Ich muss und will mich nicht mehr erklären. An all diesen Situationen kann nur ich was ändern. Hier ist weder Miss Annie noch irgendeine Therapieeinheit dran schuld. Ich muss das steuern. Und ganz bald habe ich unser Optimum gefunden und bin balancierter. Das braucht Zeit. Dann wird es wieder mehr so Tage wie heute geben mit mehr Leichtigkeit.

 

Jeder Tag ist ein anderer,
aber trotzdem ist immer heute.
Gerald Dunkl