Zerreißproben.

Es regnet aus Kübeln. Vorausgesagt war das Supersommerwochenende.

Es ist 06:47 heute Morgen, der Mann schläft noch, die Kinder frühstücken und sind knatschig. Allererster Güte. Mein Kaffee rettet mich gerade auch nicht. Miss Annie hat hunger, spuckt jedoch alles wieder retour, Little Miss war gestern erst um 22:30 im Bett mit mir. Schläft aber morgens nicht länger, kommt um kurz vor sechs aus dem Schlafzimmer und macht gleich die Ansage, dass sie heute kein Mittagsschlaf macht und überhaupt nicht mehr müde ist und schlafen ist eh doof. Ihre Augenringe betteln mehr nach Schlaf wie meine, was fast schon eine Kunst ist. Ihr kleines süsses Gesicht ist erschöpft, Sommer ist anstrengend. Das aktuell herrschende Schlafdefizit aller fordert just in diesem Moment sein Tribut. Miss Annie weint, weil sie hunger hat, aber nichts essen kann. Wir machten die letzten Wochen so gute Fortschritte, heute sieht es so aus wie vor Monaten. Ich gebe auf und koche Wasser auf um einen Brei anzusetzen. Miss Annie schafft es diesen halbwegs zu schlucken. Little Miss Laune ist bereits noch tiefer auf dem Tiefpunkt und ich könnte laut Hurra rufen. Immer wieder lasse ich sie abends länger wach, nach dem Abendessen nochmal raus, Sommer genießen. Wir genießen das Sein und lassen morgen morgen sein. Bis es dunkel ist. Bis zum nächsten Morgen, dann bereue ich es ein wenig. Oder ein wenig mehr. Tage am See, wenig schlaf und ständiges draußen sein zehrt langsam an ihrem kleinen Körper. Wir sitzen immer noch am Tisch und es wird mehr oder weniger gesessen. Mein Ton schlägt um in ein motzen, ich kann mich eigentlich gerade selber nicht mehr hören. Meine Stimme wird lauter und um 07:01 bin ich richtig sauer und streiche die langen Abende draußen und dass wir nach dem Abendessen mal zum See fahren auch. Vermutlich würde ich jetzt in dem Moment alles streichen. Ich bin wirklich sauer, auf Dinge die passieren ohne mein zutun. Für die ich verantwortlich gemacht werde. Und keines der Kleinen kann was dafür. Meine Wut der letzten Woche kommt hoch. Dinge, die ich mit mir rumtrage. Ich bin sauer, weil im Inneren, in meiner kleinen Familie, bis auf das mal wieder schlafen, alles so toll funktioniert aber von außen immer wieder grosse Steine auf den Weg gelegt werden über die ich falle. Ich habe nicht immer die Kraft diese einfach bei Seite zu schieben, sondern hocke drauf.  Got stuck sagt man im englischen.

Ich muss mich zusammenreißen nicht zu explodieren. Am wenigsten für das alles können meine Kinder was. Wir gehen alle wieder ins Bett. In der Hoffnung, dass Schlafen hilft. Mir auch. Miss Annie bekommt auf Grund der Nahrungsverweigerung noch eine Milchflasche. Einschlafen scheint allerdings ganz weit weg zu sein, noch unterwegs und steckt vielleicht gerade irgendwo im anderen Universum im Stau. Miss Annie kommt nicht zur Ruhe, stereotype Bewegungsstörungen sind allgegenwärtig. Sanft halte ich sie fest, ohne Erfolg. Sie lässt sich auf den Bauch fallen, liegt flach und für eine zehntel Sekunde und in mir macht sich Erleichterung breit. Jetzt schlafen wir alle eine Runde und dann starten wir einfach neu. Den Gedanken noch nicht zuende gedacht leert sich mit einem schwallartigen Schuss Miss Annies Mageninhalt. Der mühsam gefütterte Brei und die Milch, alles im Bettchen. Ich springe aus meinem Bett, reisse das Rollo hoch und sehe das Ausmaß des entleerten Mageninhaltes. Alles, wirklich alles vollgeulft. Ich schnappe die Kleine und setz sie in die Dusche. Alles stinkt, inklusive mir. Während der Mann mit der Kleinen duscht wasche ich die stinkenden Flüssigkeiten aus Kopfkissen und allem anderen Bettzubehör. Meine Erschöpfung weicht den Sorgen. Miss Annie isst nicht, erbricht die Milch. Liegt es an der Hitze, hat sie sich was eingefangen, einen Virus? Machen wir Rück- anstatt Fortschritte? Die kommenden zwei Wochen haben wir wieder einen Platz im SPZ für eine Intensivtherapie. Aus der Erfahrung heraus vom letzten Mal weiss ich, dass es erstmal nicht besser werden wird. Zumindest die kommenden vierzehn Tage. Eher im Gegenteil.

Der Tag ist jung und was ich nicht will ist mir ihn durch diese paar blöden Momente komplett kaputt zu machen. Und auch nicht durch das passierte der vergangenen Woche. Frisch geduscht, Wäsche bereits gewaschen und aufgegangen legen wir uns später am Vormittag erneut ins Bett. Kurze Zeit später schlafen alle, nicht lange, aber es reicht um den Tag noch zu dem zu machen was er verdient hat zu werden. Die Sonne scheint als wir aufwachen, die Schauer sind verzogen und der Sommer scheint wieder vollkommen da zu sein. Ein hoch auf das Leben.

 

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