Reaktionen. Reagieren?

Wenn wir bedenken, dass wir alle verrückt sind, ist das Leben erklärt. Mark Twain

Sie ist laut, lauter wie Kinder in ihrem alter die anfangen zu reden und bereits einige Wörter sprechen können. Bei der U7 sollen der Norm nach etwa 250 Wörter verstanden werden können, bekannte Gegenstände und Tiere bekannt werden können und kurze Aufforderungen könnte folge geleistet werden. Miss Annie artikuliert sich durch Blickkontakt und Laute, denen Fremde meist jedoch keinerlei Zuordnung geben können.

Vorgestern mit Miss Annie beim Metzger. Vor mir eine junge Mutter mit einem schlafenden Neugeborenen in der Babyschale. Sonst war keine weitere Kundschaft im Geschäft. Miss Annie freut sich jedes Mal, wieso kann ich nicht genau sagen, wenn wir dort sind. Sie quiekt laut, zappelt auf meinem Arm rum, ballt ihre kleinen Händchen zu Fäusten, knirscht gleichzeitig mit den Zähnen, wirft den Kopf vor und zurück, verdreht die Augen und quiekt. Laut. Sie ist aufgeregt und freut sich. Ich lege meinen Zeigefinger auf ihre Lippen und mache ein leises „schhhhhhschhhschhhhh“, halte dabei Blickkontakt. Funktioniert. Nicht immer. So wie vorgestern. Sie zappelt, klopft immer wieder mit der flachen Hand auf mein Arm, brabbelt und quiekt fröhlich. Ich bin an der Reihe. Die Verkäufern lacht und sagte „Ja mei, des is ja a aufgwecktes liabs Kind“. „Mhmmhmm“ sage ich und nicke. Die junge Mutter vor mir wirft mir bereits schon zum wiederholten Male einen scharfen Blick zu. Ihr Baby fängt an zu weinen, die Mutter wird hektisch und schaut mich wieder scharf von der Seite an. Ich ignoriere die Blicke, ihren schüttelnden Kopf und das „ohhhhhhtzzzzzzz“ das vermutlich wohl soviel heissen soll wie „Herzlichen Dank, durch den Krach ihres Kindes ist MEIN Baby aufgewacht“. Jeder der ein kleines Baby hat weiss wie gut es tut wenn die Kleinen (endlich mal) schlafen und finden es nicht erfrischend wenn sie durch irgendwas geweckt werden. Ja, auch ich kann es irgendwie verstehen das sie genervt ist. Von uns. Ich habe eine extrem sensible Antenne für Stimmungen und nicht gesagtes. HSPtypisches Verhalten. Kurz überlege ich ob ich mich entschuldigen soll, dass mein Kind so laut ist und ihres deswegen aufgewacht ist. Dann schiesst mir durch den Kopf für was ich mich eigentlich entschuldigen sollte. Die Lautstärke? Dafür, dass sie nichts dafür kann? Oder das sie eben anders ist? Trotz allem genießt Annie auch Erziehung und Neins! Meine Gedanken fahren Achterbahn. Einerseits bin ich sauer, sauer darüber das immer sofort geurteilt wird. Sauer, das ich manchmal so bin wie diese Mutter. Was denkt man denn als erstes wenn man eine Mutter mit ihrem wildgewordenem Kind auf dem Arm beim einkaufen sieht? A) Kann die Ihr Kind nicht mal erziehen ODER B) Das Kind kann nichts dafür weil warumwieso auch immer. Ich entscheide mich nichts zu sagen. Es einfacher es dabei zu belassen. Ich bin müde vom Tag, müde von den letzen Monaten, den ganzen Kämpfen, mit anderen und mir selber. Vor allem, was soll ich bitte sagen? „Entschuldigung das mein Kind so laut ist, sie hat einen sehr seltenen Gendefekt und kann sich nicht anders artikulieren?“ Und warum? In diesem Moment finde ich es so unfair Miss Annie gegenüber, sie kann nichts dafür und wird durch eine Fremde Mutter verurteilt. Und ich bin wütend über meine Ohnmacht. Sie nicht so zu verteidigen wie sie es verdient hätte.

Wieso rechtfertige ich mich oder habe das Gefühl das ab und an tun zu müssen? Für was? Etwas das die Natur entschieden hat, dass es so ist? Situationen wie diese lassen mich realisieren das wir im Inneren, in unserem zu Hause frei sind und so leben wie wir es für richtig empfingen, unseren Weg schon gefunden haben und auf dem sehr glücklich sind. Es aber nach aussen noch lange nicht so weit geschafft haben. Noch nicht. Vielleicht lache ich in ein paar Monaten über Situationen wie diese und bin den Weg ein Stück weiter gegangen. Den, auf dem man auch im Aussen die innere Balance gefunden hat.

 

 

 

2 comments

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  1. Stefanie

    Hallo du Liebe,
    Besonders dein Satz, „was die Natur so entschieden hat“… lässt mich einiges bei uns anders sehen. Und du hast recht wenn du dich nicht rechtfertigst, wer möchte, dass sein Baby schläft, soll es zu Hause schlafen lassen. Aber ich verstehe dich sehr gut. Für uns als Familie haben wir unseren Weg gefunden, nach außen finde ich es auch immer wieder schwierig.
    LG
    Stefanie

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