39,6°

Das Licht im Krankenhausflur scheint zur Türe rein, das Zimmer ist dunkel. Die Stille der Nacht dringt durch das gekippte Fenster. Miss Annie liegt völlig erschöpft auf mir und versucht ihren geschwächten Körper auszuruhen. In diesem kurzem Intervall der Stille merke ich wie die Erschöpfung in mir hochkriecht. Überall rieche ich ihren entleertem Mageninhalt. Ihre Haare sind verschwitzt und verklebt. Ja, wir sind wahrlich kein appetitlicher und nasenfreundlicher Anblick gewesen zu diesem Zeitpunkt.

Das Wochenende war ruhig. Donnerstag hatte ich seit langer Zeit malcdas Gefühl so etwas wie eine innere Ruhe wieder zu verspüren. Vermutlich zerstörte ich das Aufkeimende in dem ich es aussprach. Die letzte Woche war anstrengend und schön. Franks Beerdigung hängt mir sehr nach. Es war eine schöne Zeremonie, die Sonne schien und überall auf den Wiesen blühen Krokusse und andere bunte Frühlingsblumen. Er hat einen schönen Platz. Aber er wird sehr schmerzlich vermisst. Dennoch, sowas wie innerer Frieden zog ganz langsam wieder sein. Bis auf das kurze Intermezzo gestern Abend scheint dem auch weiterhin so zu sein. Das zur Ruhe kommen brauche ich so dringend.

Gestern Abend. Mit einem Schlag war innerer Frieden und so weiter vorbei. Miss Annie war seit Freitag nicht ganz so wie sonst, ein wenig malad. Sie schlief viel, wartangeschlagen. Ich schob es auf die Zähne die sich mit aller Gewalt durchschieben gerade. Am frühen Abend war sie warm, das Fieberthermometer zeigte eine leicht erhöhte Temperatur an. Nichts, was mich beunruhigte. Alles unter 38,5° ist laut Aussagen verschiedener Kinderärzte nicht tragisch.

22:06 Ich war dabei Bürokram zu erledigen, Dinge die einfach schon zu lange darauf warten erledigt zu werden. Dann hörte ich komische Geräusche aus dem Schlafzimmer und spürte das was nicht stimmt. Ich nahm Miss Annie hoch. Dieser kleine Körper glühte und würgte, sie Erbacht sich und war wie ein Flummie in meinen Armen, ihre Körperspannung war weg, nicht mehr da. Die Augen halb offen, sie war nicht wachzukriegen.

22:11 Im Badezimmer versuchte ich sie mit einem nassen Waschlappen sanft aufzuwecken, keine Chance. Sie verdrehte durchweg die Augen, beim hinsetzten sackte sie in sich zusammen und kam nicht zu sich. War das der epileptische Anfall von dem wir hofften das er nicht kommt? Mein Bauchgefühlt schrie nach einem Arzt. Ich wähle die 112. Super auch, wenn da keiner rangeht. Ich lege auf und versuche es erneut. Das ganze dauert vielleicht 20 Sekunden, es kommt mir vor wie eine Ewigkeit.

22:18 Meine Erinnerung ist wie von einem milchigen Vorhang bedeckt. Erstaunlicherweise funktioniere ich in solchen Situationen absolut rational. Zuerst kam ein Rettungssanitäter und eine Ärztin, dann kamen nochmal zwei, ein Arzt und nochmal eine Ärztin und irgendwie klingelte es nochmal an der Türe. Irgendwann waren sieben Ärzte und Sanitäter und welche von der Feuerwehr hier.  Es wird die Sauerstoffsättigung der Kleinen gemessen und Fieber. 39,6°. Wer weiss wie hoch es zuvor war und zack, da sind sie auch schon da, die Vorwürfe die ich mir mache. Als ich das letzte Mal Fieber misste zeigte es 38,2° an, nichts was mich enorm beunruhigte. Sie bekam ein Fieberzäpfchen und ganz langsam sank die Temperatur. Es wurde gemutmaßt, dass es sich um einen Fieberkrampf handelte und kein epileptischer Anfall. Nicht wirklich weniger beruhigend.

22:42 Wir steigen in den Krankenwagen, es geht in das Krankenhaus was ich am liebsten von aussen sehe. Von ganz weit weg. Es gibt leider Situationen denen muss man sich beugen. Wie dieser hier.

23:02 Ankunft im Krankenhaus. Ich will nicht hier bleiben und auch überhaupt nicht hier sein. Macht man aber so, sagen die Ärzte. Nach einem Fieberkrampf bleibt man für 24std. zur Beobachtung. Das Fieberzäpfchen wirkt und Miss Annie macht lauthals klar, dass sie keine Lust hat auf das was hier jetzt folgt. Oh wie gerne hätte ich auch lauthals mich so kundgetan! Das Risiko in einer weissen Jacke abtransportiert zu werden schien mir aber nicht all zu fern, also gab ich mich wie es mich die gute Kinderstube gelernt hat höflich und freundlich. Details erspare ich uns allen an dieser Stelle.

Es dauert zwei Stunden, es wird Blut abgenommen (die Schwestern kamen vermutlich aus der Tierklinik?!), und dann sollten wir dableiben. Jedoch sagte das Labor, das Blut ist bis auf einen kleinen Infekt, der wohl das Fieber verursacht alles oke. Keine Anzeichen einer Meningitis , eines epileptischen Anfalls oder ähnliches. Es war ein Fieberkrampf. Schwieriger zu diagnostizieren, da sie auf Grund ihrer fehlenden Fähigkeiten nicht die typischen Krampfbewegungen während des Fieberkrampfes zeigte.

Miss Annie brauchte Ruhe, ganz dringend. Sie schläft immer wieder kurz ein, muss aber wieder und wieder geweckt werden. Ich diskutiere kurz mit der wirklich netten Ärztin (die war wirklich sehr nett!!!) und sie versteht meine Gründe, dass ich hier nicht bleiben will. Miss Annie ist kein normales Kind und ich wusste, wenn sie nicht die Ruhe bekommt die sie braucht wird das nicht mit einer schlimmen Nacht vorbei sein. Sie zehrt tagelang von sowas und regeneriert sich von solchen stressigen Situationen nicht so schnell. Zudem mit zwei weiteren Kindern und Müttern im Zimmer, NEIN! Ich unterschrieb das Formular in dem geschrieben stand, dass ich die Aufnahme verweigere und rief meinen Mann an, er soll mich holen kommen.

00:58 Der weltbeste Mann macht sich auf den Weg um mich abzuholen! Ich spaziere mit der Kleinen auf dem Arm die Strasse runter. Diese Ruhe. Sie fängt an ganz ruhig zu atmen. Die klare Luft tut gut.

01:18 Ich steige ins Auto. Wir fahren nach Hause. Mein Liebster hat Little Miss im Schlafanzug ins Auto gepackt und ist zu mir gekommen. Ich liebe meine kleine Familie. So unendlich sehr.

02:48 Frisch geduscht und nicht mehr mit „Kotz au de Toilette“ behaftet liege ich mit der Kleinen auf mit auf dem Sofa. So konnten wenigstens mein Mann und Litte Miss in Ruhe schlafen. Miss Annie weinte und weinte, ich trug sie durch die Wohnung und ganz langsam fand sie in den Schlaf. Hilflosigkeit ist eines der unschönen Seiten am Mamasein. Je ruhiger ich werde, desto langsamer atmet sie bis die Augen zugehen und wir ein wenig schlafen. Miss Annie wachte immer wieder auf und weinte bitterlich. Alles was ich tun konnte war sie wieder auf mich zu legen. Es half ihr. Um 4h bekam sie noch einmal ein Schmerzzäpfchen und bis kurz vor sechs genoss ich den Luxus einer kurzen Tiefschlafphase.

Das kleine Ruhepflänzchen in mir muss weiter wachsen, nicht nur kurz aufkeimen. Sieben Monate purer Wahnsinn haben seine Spuren hinterlassen. Vor allem tieeeeefe nicht mit Concealter behandelbar Augenringe.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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