… wenn die Sonne wieder aufgeht.

Ich stehe neben ihm im Garten, die Oktobersonne scheint noch fast sommerlich, Miss Annie ist gerade vier Tage alt. Er hält sie im Arm und ich sehe einen grossen Mann der auf einmal ganz leise und sanft wird, so wie ich ihn vorher in der Facette nicht sehen konnte. Für Little Miss war er schon immer ein Onkel, seine Lebensgefährtin eine so liebevolle Oma. Die Sommer die wir zusammen im Kleingarten verbrachten. Für mich sind sie ein wichtiges Stück Familie und wird es auch immer bleiben. Wo immer Onkel Frank ist, er bleibt in unseren Herzen.

Als er die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs bekam waren wir in Florida. Ungefähr eine Woche vor der Rückreise nach Deutschland bekam ich eine WhatsApp von ihm. Er sei krank, mehr würde er uns sagen, wenn wir wieder da sind. Ich weiss genau wo ich zu diesem Zeitpunkt war, in diesem Moment wo ich das laß versetzte es mir einen unerklärlichen schmerzlichen Stich in den Magen. Wie ein Schleier lag plötzlich auf meiner Seele, denn ich wusste, es ist schlimm. Als hochsensibler Mensch erlebt man die schönen Momente extrem intensiv, leider auch genauso in die andere Richtung die Negativen. Mein Bauchgefühl lügt nie. Ich kann es nicht erklären, ich weiss es einfach. Zurück in Deutschland, Anfang November. Ich sitze neben Ihm auf dem Sofa und erlebe alles wie durch eine dicke Nebelschicht durch die man nichts mehr sehen kann. Bruchteile wie wie „unheilbar“ und „nicht viel Zeit“ dringen noch zu mir durch und verschlagen mir die Sprache. Ich weiss nicht was ich sagen soll. Es laufen wie automatisch die Tränen meine Wange herunter. Sagen kann ich nichts.

Viereinhalb Monate blieben ihm. Niemand, der sowas nicht durchlebt, kann sich vorstellen welche Angst in ihm herrschen musste. Nichts konnte man tun, die absolute Hilflosigkeit macht sich breit. Zu sehen wie die Chemotherapie, die auch nur Lebensverlängernd wirken sollte und nicht heilend, einen grossen starken Mann bis ans Ende seiner Kräfte schwächt, macht so unendlich traurig. Geld hört zu zählen, die Zeit hebt sich zur wertvollsten Währung hervor.

Samstag vor einer Woche kam er Mittags mit seiner Lebensgefährtin aus Dubai wieder. Er wollte noch einmal die Sonne erleben, die Wärme. Er liebte Dubai. Zwei Stunden nachdem er zurückkehrte holte ihn der Krankenwagen und er wurde ins Krankenhaus gebracht. Sein Zustand verschlechterte sich dramatisch. An dem Tag vor seinem Abflug standen mein Mann und die beiden Kinder vor seiner Wohnungstüre, wir verabschiedeten uns. Ich wollte ihn umarmen, einmal fest drücken. Er wich zurück, die Gefahr sich krankheitstechnisch etwas einzufangen bei so einem durch Chemotherapie geschwächten Immunsystem wäre zu gross gewesen. Wie sagten, dass sie es sich so richtig gut gehen lassen sollen da unten. Was sagt man jemandem, der vermutlich den letzten Urlaub seiner Lebenszeit erleben wird??? Die richtigen Worte fehlten mir schon lange.

Gegen 23h fand er seinen Frieden. Für immer. Verabschieden konnte ich mich nicht mehr. Niemand konnte das. Ihm nicht mehr sagen, wie wichtig er uns, mir ist. Und im Herzen auch immer bleiben wird. Es blieb keine Möglichkeit ihm zu danken, für all die schönen Momente die wir hatten. Die warmen Sommertage im Garten, die unfassbare Gastfreundlichkeit, er war immer hilfsbereit. Jemand, auf den ich mich verlassen konnte, der sein Wort hielt. Konnte er auch ein grossartiger Nörgler sein, ein Grießgram allererster Güte, genauso gut war er. Vielleicht hätte ich es öfters zum Ausdruck bringen sollen. Ihm sagen sollen, dass er sowas wie ein grosser Bruder für mich ist. Wir kannten uns nicht lange. Vier Jahre im Bezug auf das Leben sind nicht ausserordentlich viel Zeit. Und dennoch sind diese Jahre so schön gewesen. Ich sehe noch immer das Leuchten in seinen Augen, als ich ihn fragte ob er Miss Annies Patenonkel werden möchte. Sie wird immer seine Prinzessin bleiben.

Wir können seiner seiner Lebensgefährten keinerlei Schmerz nehmen. Aber ich habe ihm versprochen, auf sie zu schauen. Was diese Frau in den letzten Monaten geleistet hat ist unbeschreiblich. Niemand hat es mehr verdient wieder glücklich zu werden. Ich wünsche mir so sehr, das die kleinen Menschen, für die sie so unendlich viel Liebe übrig hat, es schaffen sie wieder lächeln zu lassen. Niemand kann den Schmerz des Verlustes nehmen. Wir können nur für einander da sein und ihn in den Erinnerungen weiterleben lassen. Im Inneren herrscht tiefschwarze Nacht, aber die Sonne wird wieder aufgehen. Er hat gewollt, dass wir das Leben genießen, in vollen Zügen. Ich werde es versuchen. Wenn die Sonne wieder aufgegangen ist.

Im Rahmen der Blogparade von Silke von in-lauter-trauer.de möchte ich drauf aufmerksam machen, dass es hier viele weitere Lebensgeschichten gibt.

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